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Fortsetzung aus 1998/1999: Die beiden Ausländer "LUCKY" und "JERRY"

"JERRY" von der Insel Kreta/Griechenland

(Tierheim in Chania)

Kosenamen: Schummel-Prinz, Schummelchen, Brummbärchen

geb. ca. Dezember 1995     Größe: 46 cm      Gewicht: 12 kg           Rasse: Typ Border Collie

In dieser Ausgabe möchte ich nun erzählen, wie ich zu meinem zweiten Hund JERRY gekommen bin.

Wer kennt sie nicht, die vielen armen herrenlosen Tiere in Süd- und Osteuropa. Im Urlaub in Spanien, Griechenland, ... begegnet man ihnen an jeder Straßenecke. Die Hunde und Katzen sind meistens krank, teilweise bis auf die Knochen abgemagert und werden auch oft noch von den einheimischen Menschen geschlagen, gequält, vergiftet, vergast, erhängt, ertränkt, überfahren usw., usw. Die Menschen denken sich leider immer grausamere Tötungsmethoden für die armen Kreaturen aus. Viele müssen ihr ganzes Leben an einer kurzen Kette verbringen, um sich als eine Art Wachhund (der an der Kette sowieso nichts gegen Einbrecher verrichten kann) die Kehle aus dem Leib zu kläffen.

(Leider ist dieser tierquälerische Unsinn auch oft noch in Deutschland bei Menschen, die überwiegend auf dem Land leben, anzutreffen.)

Als Schutz gegen Kälte, Sonne und Regen dient ihnen - "wenn sie Glück haben" - nur eine alte verrostete Blechtonne mit scharfen Kanten. Hunde und Katzen werden in diesen Ländern meist nur als eine Art "Parasit" angesehen. Da sie sich unkontrolliert vermehren, hat der Kreislauf des Elends wohl nie ein Ende.

(Ich möchte hier anmerken, daß es auch in Deutschland genügend Menschen gibt, die ihre Tiere nicht artgerecht halten und diese teilweise körperlich und seelisch schwer mißhandeln, nur sieht man bei uns eben nicht haufenweise herrenlose Tiere auf den Straßen herumlaufen.)

Da ich aus diesen Gründen meinen (Erholungs-)Urlaub in solchen Ländern nicht mehr verbringe, mir aber der Tierschutz dort sehr am Herzen liegt, hatte ich mich entschlossen, eine Woche meines Urlaubs in einem dortigen Tierheim zu verbringen, um selber mal mit anzupacken, und nicht nur wie sonst, mit Geldspenden zu helfen.

Da Sabine den gleichen Gedanken hatte, schlossen wir uns zusammen und entschieden uns am Anfang für den Tierschutzverein "Arche Noah Teneriffa", weil ich bei diesem Verein Mitglied bin und dort immer dringend Helfer benötigt werden.

Weil wir beide bedauerlicherweise unter einer Katzenhaarallergie leiden, mußten wir uns dann doch für ein anderes Tierheim entscheiden, da man in der Nähe des Tierheims in Teneriffa nicht die Möglichkeit hatte, in einer Pension zu wohnen, sondern in der Finca des Tierheims hätte übernachten müssen. An sich ist dies auch sehr gut und praktisch, leider sind aber in allen Zimmern meistens auch einige Katzen, die einer besonderen Pflege bedürfen, untergebracht. Somit hatte sich Teneriffa erledigt. 

Da es einige Tierschutzorganisationen im Ausland gibt, fiel unsere nächste Wahl auf das Tierheim auf der Insel Kreta/Griechenland. Dort sind, wie wir aus Berichten wußten, überwiegend Hunde untergebracht. Außerdem konnten wir in der "Nähe" des Tierheims in einer kleinen Ferienwohnung übernachten.

Sabine als "Reiseverkehrskauffrau" hatte alle Reiseformalitäten schnell erledigt und somit starteten wir am 23. September 1996 - bepackt mit einigen Hilfsgütern, in Form von Medikamenten und Futter etc.  - gespendet vom Tierheim Lankwitz und von uns -  Richtung Kreta. Am Flughafen in Heraklion angekommen, mußten wir eine ganze Weile warten, bis wir von Frau W. abgeholt wurden. Frau W., eine ehemalige deutsche Krankenschwester, hat das Tierheim in Chania aufgebaut und leitet es auch. Die Fahrt mit ihrem Auto (wenn man ihr Gefährt überhaupt noch Auto nennen kann) nach Chania war alleine schon etwas außergewöhnlich. Unterwegs im Dunkeln sammelten wir ganz so nebenbei drei herrenlose Hunde von der Straße auf (einen ca. 5 Wochen alten Pudelmix-Welpen, eine halbwüchsige Schäfermix-Hündin und eine junge Colliemix-Hündin, die mir ausgesprochen gut gefiel). Da  wir eine größere Strecke zurücklegen mußten, erreichten  wir erst in der Nacht unsere Pension. Für Frau W.  war dies ein "ganz normaler Tag"! Sie schlief mit der Colliemix-Hündin im Auto und wir nahmen für eine Nacht die beiden anderen Hunde mit in unsere nette Behausung. An einen erholsamen Schlaf war allerdings nicht zu denken, denn die kleine Welpendame, die wir Pudel-Suse nannten, tyrannisierte uns die ganze Nacht, wie das Hundebabies nun manchmal so an sich haben. Am nächsten Morgen, als wir, immer noch todmüde, aufstehen mußten, schlummerte die Kleine friedlich in ihrem Körbchen. Nach Säuberung des Fußbodens - zum Glück waren es Fliesen - von Pipi und großem Welpengeschäft fuhren wir mit Frau W. zum Tierheim. Auf der Fahrt erzählte sie uns, daß morgens immer erst gemütlich in der Küche gefrühstückt und der Tagesablauf besprochen wird.

Das Tierheim beherbergte z. Z. ca. 400 Hunde und ca. 100 Katzen. Die Hunde, die das Glück hatten draußen zu leben, waren in geräumigen, eingezäunten Gehegen untergebracht. Schlimm war es für die vielen Hunde und Katzen, die Tag und Nacht im Haus leben mußten. Da sie zwangsläufig auch dort auf Zeitungspapier ihre großen und kleinen Geschäfte verrichten mußten, sah es trotz täglicher Reinigung dementsprechend aus und roch sehr unangenehm - bestimmt auch für die Tiere -. In allen Zimmern im Haus herrschte vollkommenes Chaos, so auch in der Küche; Hunde und Katzen wohin man sah. Mehr als eine Tasse Tee und ein kleines Stück trockenes Weißbrot bekamen wir nicht hinunter.

Ich möchte noch betonen, daß Sabine und ich wirklich nicht etepetete sind, aber in einer vollurinierten und vollgekackten Küche mit haufenweise Tieren, die auch auf den Lebensmitteln lagen, verging uns der Appetit auf ein "gemütliches Frühstück". In der sogenannten Küche und dem ehemaligen Wohnzimmer waren die kleineren Hunde untergebracht. Unter ihnen war auch mein damals noch namenloser "JERRY".

Zu dem Tierheim selber möchte ich in dieser Geschichte nicht mehr allzu ausführlich etwas berichten, da dort vieles im Argen liegt. Natürlich fehlt es an allen Ecken und Enden am nötigen Geld, aber auch ohne dieses Geld könnte man das Leben der Tiere ein wenig angenehmer gestalten. Aus einer Anzahl von guten Gründen haben sich deshalb in der Vergangenheit schon einige größere Tierschutzorganisationen von diesem Projekt zurückgezogen.

Nach zwei Tagen hatten wir uns ein wenig an das Chaos und den Dreck gewöhnt und uns vorgenommen, das Beste aus der Situation zu machen und so viel wie möglich für die Tiere zu tun (kranke Augen, Ohren und Wunden behandeln, Futter zubereiten, Hunde und Katzen baden, bürsten etc.).

An einem dieser Tage standen wir in der Küche und vor uns waren zwei große Plastiktonnen mit Schweinenieren aufgestellt, die Frau W. von einem Schlachter organisiert hatte. Diese vielen Nierchen mußten nun gesäubert und zerkleinert werden, um sie dann für die Tiere zu kochen. Sabine verabschiedete sich nach einer Viertelstunde von dieser "sehr leckeren Aufgabe" und ging außerhalb des Hauses anderen Tätigkeiten nach. Da ich "leider" kein Vegetarier wie Sabine bin, machte mir die Nierchen-Aktion nicht so viel aus und ich schnipselte fleißig weiter. Um mich herum war wie immer alles voller Hunde und Katzen, die schon nach ihrem Futter Ausschau hielten. Bei dieser Tätigkeit kam mir dann auch der Gedanke, wie es wäre, wenn ich mir einen Zweithund zulegen würde. Ich hatte zwar zu Hause in Berlin ab und zu daran gedacht, ob es für LUCKY nicht ganz nett wäre, wenn sie einen Partner hätte, aber geplant hatte ich es eigentlich nicht, mir in nächster Zeit noch einen weiteren Hausgenossen anzuschaffen. In mitten dieses Elends und hunderter traurig dreinblickender Hundeaugen trat dieser Gedanke auf einmal ganz nahe an mich heran. Selbst Sabine, die  schon zwei Hunde besaß, fing an zu überlegen. Man mußte ja schließlich auch an die Daheimgebliebenen denken. Bei Sabine war es ihr Mann und bei mir meine Eltern, die tagsüber Hundesitter spielen. Kann man ihnen noch einen Hund zumuten, wird sich der "alte" mit dem "neuen" Hund vertragen? Viele Fragen gingen uns abends im Bett durch den Kopf. Nach ein paar Tagen war mir dann alles egal und ich warf sämtliche Überlegungen über den Haufen - für mich stand fest, alle Hunde kann ich leider nicht retten, aber wenigstens einem der armen Kreaturen kann ich ein besseres Leben ermöglichen.  Nun stellte sich die Frage, welcher der ca. 400 Hunde zieht das große Los und darf mit nach Deutschland. Im geheimen hatte ich mir schon die bildschöne junge Colliemix-Hündin ausgesucht, die wir bei unserer Ankunft von der Straße aufgegabelt hatten. Da sie wahrscheinlich gerade das erste Mal läufig gewesen sein mußte, weil die Rüden noch wie verrückt hinter ihr her waren, vermuteten wir, daß sie evtl. gedeckt worden ist. Einen zweiten Hund und dann vielleicht nach ein paar Wochen auch noch Welpen, daß konnte ich meinen Eltern nun doch nicht zumuten.

Außerdem hatte ich wegen LUCKY Bedenken, die eine sehr dominante Hündin ist. Sie wäre mit einer Nebenbuhlerin bestimmt nicht ganz so einverstanden gewesen. Da ich kein Risiko eingehen wollte, nahm ich schweren Herzens Abschied von dem Gedanken, diese Hündin mitzunehmen. Ein Rüde wäre wohl doch geeigneter für LUCKY. Die Suche ging also weiter.

Da ich ein großer Collie-Fan bin (in Griechenland sind leider z. Z. Collies groß in Mode) und auch mein Vater ganz besonders Border Collies mag, fiel mein Blick auf einen ca. 8 Monate alten schwarz-weißen Rüden, der unter den "Küchenhunden" lebte. Ich beobachtete ihn des öfteren, wie er stundenlang vor dem kleinen geöffneten Fenster lag und nach draußen starrte. Für ihn mußte es auch fürchterlich gewesen sein, den ganzen Tag in einem warmen, muffigen, mit Kot verschmierten Zimmer zu leben und nie nach draußen zu dürfen, um wenigstens dort seine Geschäfte zu erledigen. Als ich mir den kleinen traurigen, recht mageren Kerl genauer anschaute stellte ich fest, daß sein rechts Hinterbein völlig schief war. Er muß in frühester Kindheit einen schlimmen Unfall gehabt haben oder in eine Falle geraten sein. Die gebrochenen Knochen und das untere defekte Gelenk waren krumm zusammengewachsen. Außerdem fehlten ihm einige Ballen an der Pfote. Als ich dies feststellte, tat er mir noch mehr leid und ich entschied mich für ihn.  Nach kurzer Überlegungszeit hatte ich auch einen Namen für ihn - JERRY sollte er heißen.

Da ich soviel wie möglich über seine Herkunft wissen wollte, fragte ich Frau W., wo sie ihn gefunden hatte. Sie erzählte mir, daß sie ihn erst vor ca. zwei, drei Wochen von der Straße aufgelesen habe. Er war in der Nähe eines Hotels an einem Baum angebunden gewesen. Als sie am nächsten Tag wieder dort vorbei kam und er immer noch dort war, nahm sie ihn mit.

Die eine Woche verging wie im Fluge und wir hatten eine Menge erlebt. Geplant war, daß wir bei unserem Rückflug vier Hunde mitnehmen würden. Mehr war laut Fluggesellschaft nicht gestattet. Ein Tierheim in West-Deutschland hatte sich erneut bereit erklärt, welche aufzunehmen und zu vermitteln. Zwei Welpen wollten wir in den Passagierraum mitnehmen und zwei größere Hunde sollten in einen speziellen Raum im unteren Teil des Flugzeuges untergebracht werden. Keine Angst jetzt - dieser Raum ist beleuchtet, belüftet und beheizt, da die Tiere den Transport im Laderaum sonst wohl kaum überleben würden.

Einer von diesen Hunden war ja nun mein JERRY. Die Auswahl der Welpen fiel nicht so schwer - Pudel-Suse unter ihnen -. Aber wer sollte der Vierte im Bunde sein. Nach langen Überlegungen entschieden wir uns für ERMIÉ, einen jungen Jagdhundmischling, den Sabine und ich in unserer Woche besonders betreut hatten, da dieser vor einiger Zeit von den anderen Hunden fürchterlich zugerichtet worden war. Seine Haut war noch überseht mit kahlen Stellen. Er sah überhaupt sehr mitleiderregend aus - "wie ein häßliches Entlein" - aber sehr zutraulich, schüchtern und lieb.

Am 30. September, ein paar Stunden vor unserem Abflug, rief das Tierheim, welches die Hunde aufnehmen wollte an, und teilte Frau W. mit, daß sie die drei Hunde doch nicht nehmen können. Da Frau W. für die Tiere schon alle Ausreisegenehmigungen besorgt hatte, versuchte sie auf die Schnelle ein anderes Tierheim zu finden. Nach einigen Telefonaten entschloß sich dann unser Tierheim in Lankwitz, die Hunde zu übernehmen. 

Die Hunde bekamen für die Fahrt von Chania nach Heraklion und für den Flug nach Berlin ein Beruhigungsmittel, somit schlummerten sie vor sich hin. Am Flughafen verlief alles reibungslos und auch der Flug war o.k.

Am späten Abend landeten wir dann in Berlin-Schönefeld mit unserer "kostbaren Fracht".

Sabines Mann Detlef und mein Bruder Martin holten uns ab. Zwei Mitarbeiter des Tierheims Lankwitz standen auch schon bereit. Jetzt kam die Stunde des Abschieds. Sabine war totunglücklich, daß sie "ERMIÉCHEN" hergeben mußte, aber drei Hunde waren wirklich ein bißchen zu viel für zwei voll berufstätige Menschen. Mein Bruder äußerte auch so seine Bedenken über meine Rettungsaktion namens "JERRY". Auf der Heimfahrt überlegte ich mir schon - mir war übrigens recht mulmig in der Magengegend -, wie ich die Sache mit dem zweiten Hund meinen Eltern am besten beibringe.

Zu Hause angekommen, mußte JERRY gleich eine Ganzkörperreinigung über sich ergehen lassen. Er stank fürchterlich und hatte Flöhe. Martin und ich mußten ihn zweimal shampoonieren, um den Dreck und Geruch einigermaßen zu entfernen. Eine Wurmkur hatte ich ihm schon vorsorglich in Kreta verabreicht. Das Telefonat mit meiner Mutter verlief nicht gerade erfreulich, mein Vater dagegen sah die Sache mit meinem zweiten Hund nicht so eng und meinte, daß wir diesen auch noch groß bekommen würden.

Die erste Nacht verlief problemlos. Zu meinem Erstaunen mußte ich feststellen, daß JERRY absolut stubenrein  war.

Da ich mir wegen ihm zusätzlich noch eine Woche Urlaub genommen hatte, folgte am nächsten Morgen gleich der erste Tierarztbesuch. Er wurde von meiner Tierärztin gründlichst untersucht und bekam ein Anti-Flohmittel. Außerdem wurde eine Röntgenaufnahme von seinem schiefen rechten Hinterbein angefertigt um zu sehen, ob eine Operation eine Besserung bringen würde, denn er benutzte es so gut wie nie und hummpelte stark beim Laufen. Meine Tierärztin überwies JERRY in eine private Tierklinik zu einem Spezialisten, der fast täglich solche Knochenoperationen durchführt.

Am 11. Oktober wurde er dann nach einigen Untersuchungen zum ersten Mal operiert. Der schief zusammengewachsene Knochen wurde erneut gebrochen und begradigt. Er wurde dann mit einem Implantat (1 Platte + 6 Schrauben) fixiert. Da JERRY noch recht jung war nahm man an, daß der Knochen in ca. 4 Monaten wieder zusammengewachsen sein müßte. Dem war aber nicht so! Beim Entfernen des Implantates brach der Knochen erneut und der Tierarzt bemerkte es leider nicht. Somit mußte der arme Hund 10 Tage lang mit einem gebrochenen Bein herumlaufen. Da er bei der zweiten OP auch gleichzeitig kastriert wurde, schoben wir seine Schmerzen und sein aggressives Verhalten auf diesen Eingriff, da er sonst immer absolut lieb und geduldig war. Erst beim Fäden ziehen merkte meine Tierärztin den Schlamassel. Also mußte er am nächsten Tag wieder unter das Messer. Fünf Operationen mußte er insgesamt über sich ergehen lassen (das Implantat wurde nacheinander entfernt). Durch seine mangelnde und unzureichende Ernährung in der Jugend haben seine Knochen eine schlechte Substanz und sind nicht die stabilsten.

Besonders nervig und störend war für ihn der große Halskragen aus Plastik, den er nach den OP's bis zum Fäden ziehen fast ständig tragen mußte, weil er sich sonst den Verband abgerissen hätte. Nach all diesen OP's kann er aber dafür jetzt sein Hinterbein wieder einigermaßen benutzen.

Da mein kleiner "Schummel" in seinem früherem Leben keinerlei Erziehung genossen hatte, war er dementsprechend chaotisch und wild. Besonders am Anfang (immer zwischen den OP's) übte ich mit ihm fast täglich "SITZ, PLATZ, FUSS etc.". Seine Jagdleidenschaft und seine übermäßige Kläfferei im Auto konnte ich ihm leider noch nicht abgewöhnen.  Da er, wie gesagt, gerne jagt, - Vögel, insbesondere rabenartige Exemplare, sind seine Spezialität - (ein Wildkaninchen geht bedauerlicherweise schon auf sein Konto), behalte ich ihn lieber noch bei "kürzeren" Spaziergängen - rund um den Häuserblock - an der Flexi-Leine.  LUCKY geht zwar ihrer Jagdleidenschaft auch gerne nach (sie hat den Wellensittich meiner Eltern auf dem Gewissen), aber sie hat gelernt, beim Verfolgen der "Beute", am Bürgersteig abzubremsen und nicht über die Straße zu laufen. Vielleicht gelingt mir dieses auch noch bei JERRY. Ansonsten kann ich mich über ihn (fast) nicht mehr beklagen, er ist lieb, total verschmust und hat sich in Windeseile, mit Hilfe seines "ausgesetzten Blickes", in das Herz meiner Mutter "geschummelt".

Da er trotz seiner Operationen immer ein kleiner Invalide bleiben wird, haben wir uns einer neu gegründeten Selbsthilfegruppe für "Hunderehabilitation" angeschlossen. Diese trifft sich immer sonntags auf dem Lichtenrader Hundeplatz. Dort wird JERRY nach der Tellington TTouch-Methode behandelt. Des weiteren werden dort bei Hunden noch andere physiotherapeutische Behandlungen nach Krankheiten oder Verletzungen durchgeführt. JERRY genießt seine Behandlung immer sehr und ich bemühe mich momentan, diese Methode mit Hilfe der Selbsthilfegruppe und des Buches von Linda Tellington zu erlernen.

Jetzt möchte ich noch kurz etwas allgemeines über Hunde in Süd- und Osteuropa berichten. Ich finde es immer wieder erstaunlich, daß diese Tiere, obwohl sie in ihrer Heimat vom Menschen meist nur schlechtes zu erwarten haben, extrem gutmütig und meistens äußerst zutraulich sind. Da sie häufig im Rudel leben, haben sie ein sehr gutes Sozialverhalten und sind besonders charakterfest. Über jeden auch noch so geringen Zuspruch und ein paar Streicheleinheiten freuen sie sich riesig und weichen einem danach nicht mehr von der Seite.

Natürlich ist es auf Dauer keine Lösung, Hunde und Katzen nach Deutschland einzufliegen, aber z. Z. ist es wohl die einzigste Möglichkeit, die Hunde in gute Hände zu vermitteln.

Viele Tierschutzorganisationen im Süden und Osten leisten parallel dazu Öffentlichkeits- und Aufklärungsarbeit in der Hoffnung, daß diese Bemühungen in den kommenden Jahren Früchte tragen werden und die einheimische Bevölkerung sich endlich auch selbst um ihre Tiere kümmert und diese vor allen Dingen kastrieren läßt, um weiteres Elend zu verhindern. 

Zum Schluß nun noch ein paar Anmerkungen über meine Erfahrung von der Haltung zweier Hunde. Das erste halbe bis Dreivierteljahr mit zwei Hunden empfand ich als äußerst stressig und schwierig. Des öfteren dachte ich im geheimen, "warum hast Du Dir das bloß angetan". JERRY war trotz seiner Behinderung ein "wilder Feger", der überhaupt nicht gehorchte und mich damit manchmal zur Weißglut brachte. Im Grunde genommen konnte er nichts dafür, denn er hatte ja nie gelernt, zu gehorchen. Da LUCKY streitsüchtig und extrem eifersüchtig ist, lagen sich die Beiden häufig in den Haaren. LUCKY versuchte und versucht auch heute noch, der Chef im Mini-Rudel zu sein (sei es ihr gegönnt), nur läßt sich JERRY jetzt nicht mehr alles von ihr gefallen. Ihre Rangeleien um die Rangordnung verlaufen heute zum Glück harmlos. Am Anfang mußte ich häufig dazwischen gehen, um Verletzungen vorzubeugen. Sehr ärgerlich finde ich bei zwei Hunden allerdings, daß sie die schlechten Angewohnheiten des anderen schnell übernehmen, wie z. B. das Kläffen im Auto. Wie sagte Renate bei einem Hundespaziergang so treffend, "die versauen sich gegenseitig"!!! Von den ersten chaotischen Spaziergängen mit den Beiden erst gar nicht zu reden - zum Glück läuft LUCKY meistens ohne Leine. Zu zweit fühlt man sich eben besonders stark und mutig und muß es den anderen Hunden zeigen. "Frauchen" hat man im Ernstfall ja immer als  Verstärkung dabei.

Natürlich gibt es auch einige Vorteile bei der Haltung von zwei Hunden. Sie können, wenn mal kein Hund in der Nähe ist, auch untereinander spielen und man kann sie, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben, auch ab und zu für ein paar Stunden alleine zu Hause lassen. Mir ist aufgefallen, daß LUCKY nicht mehr gerne mit anderen Hunden spielt, seit JERRY da ist. Wenn er sich mit anderen Hund vergnügt, mischt sie sich sofort ein und fängt an zu stänkern. JERRY ist dagegen fast immer ein Gentleman und läßt LUCKY gewähren.

Ich denke, jeder muß selbst für sich entscheiden, ob er sich einen Zweithund anschafft. Allerdings sollte man vorher auch bedenken, welche zusätzlichen Kosten auf einen dazukommen (sehr hohe Hundesteuer - vor allem in Berlin -, doppelte Hundehaftpflichtversicherung, ...). Wenn man nicht allzu viel verdient, ist es nicht immer einfach, diese Summe aufzubringen.

Ich würde mir wahrscheinlich in der Großstadt keinen Zweithund mehr anschaffen, obwohl es mir bei den überfüllten Tierheimen schon schwerfallen würde. Trotz der Schwierigkeiten, die ein zweiter Hund so mit sich bringt, möchte ich natürlich meine beiden Hundekameraden heute nicht mehr missen.

                                                             Elke Gertulla