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„Schwein“ gehabt!                            von Ilona Zajc

Im Sommer geht es oft hoch her. Da gibt es nicht nur herrenlose Hunde, die vor den Ferien irgendwo an den Baum gebunden, an einer Bushaltestelle ausgesetzt werden oder die man einfach in der Stadt laufen läßt. Auch Jungvögel, die aus dem Nest gefallen oder von Kindern „weggefunden“ werden, müssen anschließend mühevoll von Menschenhand aufgepäppelt werden, um Ihnen wenigstens die Chance zum Überleben zu geben.

Letztes Jahr habe ich vier mutterlose Stockenten großgezogen, dieses Jahr fing an mit einer völlig entkräfteten weißen Taube, die vor einer Haustür gesessen hatte. Glücklicherweise habe ich einen kleinen Garten hinter dem Haus mit einem Teich und einem selbstgebauten Gehege. Auch die Taube konnte dort erst einmal zu Kräften kommen, bis ich sie wieder freiließ. Bis heute holt sie sich jeden Tag ihr Futter aus meinem Garten.

Im Juni dann nahm ich noch zwei Zwergkaninchen zur Pflege auf, die ein neues Zuhause suchten. Sehr lieb, sehr süß - durften auch sie unter Aufsicht im Garten herumlaufen, schlugen fröhliche Haken, jagten sich und die Hunde gegenseitig und hatten eine besondere Freude daran, die Blumen auszubuddeln und meine Erdbeerpflanzen von ihren Blättern zu befreien. Abends wurden sie von mir eingefangen und im Katzenkorb wieder in ihren Käfig zurückgetragen.

Mitte Juni kam dann die erste mutterlose Jungamsel dazu, die in der ersten Zeit alle zwei Stunden gefüttert werden wollte. So mußte ich also mehrmals am Tag einen frischen Pamps aus Katzenfutter, hartgekochtem Eigelb und Aufzuchtfutter anrühren. Später kamen dann noch gekaufte Mehlwürmer hinzu, die ich ständig daran hindern mußte, sich selbständig zu machen. Auch die Mehlwürmer wollten bis zu ihrem Ende, das sie letztendlich in dem Vogelmagen fanden, gefüttert werden. Für sie gab es Zwieback! Um die Amsel in die Freiheit entlassen zu können, mußte sie lernen, sich ihr Futter selbst zu suchen. So holten wir also mit geeinten Kräften Regenwürmer aus dem Komposthaufen, ich mit den Fingern, sie mit dem Schnabel.

Anfang Juli eines Abends ein Anruf von Kerstin Schurr. Einem Bekannten von ihr hatte man eine Plastiktüte mit 4 Meerschweinchen an die Türklinke gehängt. Ein Dickes, ein Wuscheliges und zwei Kleinere. Das Dicke, weil trächtig und bissig, kam zu mir. Die anderen wurden untergebracht und später vermittelt.

Das dicke Schweinchen war in der Anfangszeit ängstlich und verwirrt. Als die Nächte wärmer wurden, ist sie in das Gehege im Garten gezogen. Eine umgekehrte Schublade mit ordentlich viel Heu darunter diente ihr als Versteck und Schutz vor der Sonne.

Nun hatte ich noch nie ein Meerschweinchen, habe mir auch noch nie Gedanken über Meerschweinchen gemacht und hatte nicht einmal als Kind den Wunsch nach einem Meerschweinchen.

So lebte sie also bei mir herum und wurde immer dicker. Eines Morgens ging ich hinunter zum Füttern in den Garten, öffnete den Deckel des Geheges und legte frische Möhren und Grünzeug hinein. Sie kam aus ihrem Versteck hervor, machte sich über das Fressen her. Plötzlich schaute unter der Schublade ein kleines schwarzes Köpfchen hervor. Wie erstarrt, hob ich die Schublade an, und dort saßen - ich war völlig verdutzt -zwei kleine neugeborene Meerschweinchen, so groß wie Mäuse, mit Fell und Beinen und allem, was dazugehört. Ich dachte, mich trifft der Schlag und wußte nicht, ob ich vor Überraschung lachen oder weinen sollte. Dieses Gefühl werde ich so leicht nicht vergessen. Die kleinen Dinger rannten quiekend hinter ihrer Mutter her und hopsten herum vor lauter Lebensfreude. Ich konnte mich einfach nicht an ihnen satt sehen!

3 ½ Wochen wurden sie gesäugt und fraßen von Anfang an auch das, was ihre Mutter fraß. Das eine bekam ein wuscheliges Fell wie sein Vater, das andere ein glattes. Für das Mutterschwein waren schon Leute vorgemerkt, die eine neue Gefährtin für ihren kastrierten Bock suchten. Sie kamen an einem Wochenende, um sie bei mir abzuholen. Nette Leute, die mir gleich gefielen. Wir nahmen das Schweinchen aus dem Käfig und setzten es in den mitgebrachten Korb. Alles war völlig in Ordnung, bis der junge Mann mich ansah und meinte: “Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, sie wird es ganz bestimmt gut bei uns haben.“ Da kriegte ich dann das heulende Elend. Plötzlich fiel mir der Abschied furchtbar schwer. Die beiden Jungtiere hätte ich gerne zusammen vermittelt, aber nachdem ihre Mutter weg war, fingen sie an, sich zu beißen, und ich mußte sie trennen. Das Rosettenschweinchen bekam Marinas Nachbarin. Ich überreichte es ihr nach telefonischer Absprache gleich an der Tür, weil ich bei meinem nächsten Abschiedsheulkrampf allein sein wollte. Für das letzte Schweinchen wollte sich niemand rechtes finden lassen, und in meinem Kopf formte sich so langsam der Name „Charlotte“.

Lange Rede - kurzer Sinn: Zu Charlotte kam dann noch Luise, ein 3-jähriges Meerschweinchen-Mädchen, das seinen Besitzern lästig war und eingeschläfert werden sollte. Sie haben ihren Platz auf der breiten Fensterbank in der Küche und beobachten von dort aufmerksam mein Tun, immer in der Hoffnung, es gibt einen Leckerbissen. Mit lautem Quieken machen sie auf sich aufmerksam, knabbern an den Gitterstäben und hüpfen vor Freude, wenn ich den Raum betrete oder mit ihnen rede. Nun gehören also zu meinem Haushalt auch noch diese beiden Schweinchen, die je mehr man sich mit Ihnen beschäftigt unglaublich an Persönlichkeit gewinnen.

Jetzt bin ich ein Meerschweinchen-Fan. Wer hätte das gedacht?!

 

Ilona Zajc