Die
beiden Ausländer Lucky und Jerry -
oder wie man unter nicht ganz üblichen
Umständen zu Hunden kommt!
von
Elke Gertulla
1. Geschichte:
"LUCKY"
aus Namibia/Südwestafrika
Kosenamen: Prinzessin, Püppchen
geb.
25. August 1994
Größe: 38 cm
Gewicht: 9,5 kg
Rasse:Dackel-Terrier-Mix
01. November 1994
Endlich war ich wieder in Namibia - und diesmal
nicht, um dort nur vier Wochen meinen Urlaub zu verbringen, sondern
um ein Vierteljahr auf einer Gäste-, Jagd- und Rinderfarm im
afrikanischen Busch zu arbeiten.
So gut wie der "Abenteueraufenthalt" in
Namibia begonnen hatte, so unangenehm waren die ersten 10 Tage auf
der Gästefarm, wo ich, wie ursprünglich vorgesehen, die ganzen
drei Monate verbringen wollte.
Nach einigen Schwierigkeiten (auf die ich hier nicht weiter
eingehen möchte) und kreuz und quer durchs Land reisend - natürlich
mal wieder mit viel zu viel Gepäck - hatte ich dann doch noch großes
Glück und konnte durch die Hilfe meiner früheren Reiseleiterin Ute
auf eine andere Gästefarm wechseln.
Nach einer herzlichen Begrüßung durch den
Besitzer der Farm, Friedhelm von Seydlitz, flogen wir dann mit
seinem kleinen Flugzeug auf die Farm "Immenhof", die in
der Nähe von Omaruru liegt. Dort wurde ich von einer siebenköpfigen
Hundeschar stürmisch begrüßt. Vier verschiedene Rassen waren
vertreten. Ein junger heller Labrador namens X'Thau, was in der
Buschmannsprache soviel wie "Löwe" heißt, ein
Kurzhaardackel mit dem Namen Lumpi, ein glatthaariger Foxterrier,
der Tekkies hieß (was übersetzt "Turnschuh" bedeutet),
und vier kleine weiße "Putzwollen" - Lady, Tinka, Blanka
und Kniggies, die der Rasse der Malteser angehörten und ständig
Kletten in ihrem Fell zu sitzen hatten, obwohl sie zweimal im Jahr völlig
kahl geschoren wurden. Diese Rasse ist wirklich völlig ungeeignet für
den afrikanischen Busch, wie schnell festzustellen war.
Als eine Art "Haustochter" der Familie
sollten nun folgende Dinge in den nächsten drei Monaten zu meinen
Aufgaben gehören: Gästebetreuung, Farmrundfahrten, jeden Tag
Kuchen backen, in der Küche helfen, sonstige hauswirtschaftliche Tätigkeiten,
alle Hunde versorgen (diese Aufgabe übernahm ich allerdings
freiwillig, weil ich der Meinung war, daß man Hunde nicht nur mit
Maisbrei und ab und zu ein paar Fleischstücken füttern sollte).
Ansonsten gehörte zu den noch sehr angenehmen
Aufgaben das Aufziehen von drei kleinen Kälbchen mit der Flasche,
was mir viel Freude machte und worüber man noch extra einige
Geschichten erzählen könnte, da die Dreierbande Max, Lisa
und Klein-Theresa so hinreißend war. Oftmals kam auch noch das
Verarzten verschiedener Tiere auf mich zu.
Nachdem nun schon einige Wochen auf der Farm
vergangen waren, sollte nun bald der Tag X kommen, wo mir meine
kleine LUCKY das erste Mal begegnen sollte. Weihnachten rückte
immer näher und die Familie von Seydlitz flog mit ihren beiden
Kindern, Charissa und Werner, für sechs Wochen nach Deutschland, um
dort so eine Art Arbeitsurlaub zu verbringen.
Ich sollte bis Ende Januar mit Thorsten, dem
Farmverwalter, und Johann, dem Jäger, auf der Farm leben, was nicht
immer einfach war (Machos!!!).
Als wir eines Nachmittags vom Lebensmitteleinkauf
in Omaruru wieder auf der Farm ankamen, liefen uns die beiden
schwarzen Farmmitarbeiterinnen Frieda und Wilhelmine aufgeregt
entgegen. Sie erzählten uns von ihrem kleinen Welpen, dem es gar
nicht gut ginge. Über die Weihnachtsfeiertage wurde bei den
schwarzen Angestellten sehr viel Alkohol getrunken. Da der Welpe
wohl im Weg stand, wurde er mit einem kräftigen Fußtritt in die
Ecke befördert. Seitdem humpelte sie stark und schrie und weinte
die ganze Zeit. Da dieser Zustand schon zwei Tage anhielt, dachten
sie sich, daß es wohl doch keine so harmlose Verletzung sein kann.
Also gingen wir in die Küche, um nach dem Welpen zu sehen. Da saß
die kleine LUCKY nun, ein vor sich hinjammerndes Häufchen Elend.
Sie war gerade 16 Wochen alt und etwas unterernährt.
Thorsten, Johann und ich nahmen fest an, daß das
linke Vorderbeinchen gebrochen war. Als ich sagte, daß man mit ihr
zu einem Tierarzt fahren müsse, wurde mir gleich mitgeteilt -
"aber heute haben wir keine Zeit dafür - vielleicht
morgen". Außerdem wurde mir von Johann gesagt, daß es ja
sowieso nur "ein Drecksköter von den scheiß schwarzen Kaffern
wäre, der nichts wert sei und den man doch erschießen könnte".
Daß ich nach dieser Aussage restlos bedient war, könnt Ihr Euch ja
denken.
Anfangs hatten die Schwarzen vor, das Bein selber
zu schienen - dann dachten sie sich aber, daß man mit einem kranken
Hund eh nicht mehr viel anfangen könne und schenkten mir die kleine
Hundedame. LUCKY ist übrigens eine Dackel-Terrier-Mischung (Vater:
Kurzhaardackel, Mutter: Einmal quer durchs Dorf). Ihr Fell ist
rabenschwarz und auf der Brust hat sie einen kleinen weißen Fleck.
Nach einer extrem schlimmen Nacht für LUCKY - und
auch für mich - (zwei große Haufen und viel Pipi auf dem Teppich,
Jammern und Schreien) war ich froh, als am nächsten Tag, es
war inzwischen der 28. Dezember, die "Herren der Schöpfung"
dann so gnädig waren und sagten, daß sie heute im Laufe des Tages
nach Omaruru fahren würden, da das kranke Baby von Frieda zum Arzt
müsse. Ich könne ja dann mit LUCKY zum Tierarzt gehen.
Nach dem Mittagessen fuhren wir (Venasju, der
Fahrer, Frieda und ihr Baby, LUCKY und ich)
dann endlich los (bei +
40 ° C im Schatten - natürlich ohne Klimaanlage im Auto).
LUCKY lag auf meinem Schoß. Bei jeder Erschütterung jammerte sie
vor Schmerzen. Drei volle Tage war der "Unfall" mit ihrem
Bein nun schon her. In Omaruru setzte man uns beide beim Tierarzt
ab. Die freundliche Tierarzthelferin teilte mir in einer Mischung
aus Deutsch und Englisch mit, daß der Tierarzt erst in einigen
Tagen wiederkäme und sie ihn auch nicht erreichen könne. Wir überlegten,
welche andere Möglichkeit bestand, LUCKY so schnell wie möglich zu
helfen. Sie rief in der Tierklinik in Otjiwarongo an und fragte
nach, ob dort heute noch ein Tierarzt zu erreichen sei. Wir hatten
Glück, man sagte uns, daß wir noch bis 18.00 Uhr kommen könnten.
Nach einer halben Stunde erschien dann Venasju mit dem Auto, um uns
wieder abzuholen. Wir erklärten ihm die Situation, und er war so
freundlich, uns nach Otjiwarongo zu fahren. Nun lag erneut eine etwa
zweistündige Fahrt bei einer Gluthitze vor uns. Uns war zwar klar,
daß wir uns Ärger durch die unerlaubte Fahrt nach
"Otji" einhandeln würden, aber das mußte
für LUCKY in Kauf genommen werden, denn länger wollte ich ihr die
Schmerzen nicht zumuten. Außerdem bezahlte ich natürlich alle
anfallenden Kosten wie Benzin, Behandlung etc.
Kurz vor 18.00 Uhr kamen wir in der Tierklinik an.
Dr. Jago, ein sehr netter amerikanischer Tierarzt, untersuchte LUCKY
und bestätigte unsere Vermutung - das Bein war gebrochen. "Zum
Glück" war es ein glatter Bruch, und es mußte nicht operiert
werden. Da LUCKY morgens etwas gefressen hatte, sollte sie erst am nächsten
Morgen unter Narkose behandelt werden. Also mußte ich sie schweren
Herzens für einige Tage dort lassen - aber sie war ja jetzt in
guten Händen.
Von "Otji" aus telefonierten wir noch
nach "Immenhof", um alles zu erklären. Begeistert war man
über dieses eigenmächtige Handeln - wie vermutet - natürlich
nicht.
Nach ein paar Tagen bekam ich LUCKY dann wieder.
Selber abholen konnte ich sie leider nicht. Da Johann sie nach einer
Einkaufsfahrt vom Tierarzt abholte, durfte sie natürlich nicht
vorne bei ihm mitfahren, sondern mußte hinten auf dem offenen
Pick-Up zwischen Säcken liegen. Man hatte ihr kleines Bein in Gips
gepackt. Sie sah damit schon recht putzig aus. Ein kleiner schwarzer
Hund mit riesigen Ohren, die noch nicht zu der Größe ihres Kopfes
paßten und ein dicker Gipsverband um ihr kleines linkes
Vorderbeinchen. Trotzdem rannte sie mit dem Gips wie ein Wiesel
umher und spielte vergnügt mit den anderen Hunden, die sie nun auf
der Farm akzeptierten, da sie jetzt auch mit mir im Farmhaus wohnen
durfte.
Die erste Zeit mit LUCKY war recht stressig. Da sie
noch nicht stubenrein war, mußte ich nachts öfter mit ihr raus.
Außerdem hatte ich ständig Angst, daß sie mit
ihrem Gips in den Swimmingpool fallen und ertrinken könnte. Die
kleinen Unannehmlichkeiten nahm ich aber gerne in Kauf - endlich
hatte ich einen Hund.
Die nächsten 4 Wochen hatte ich einiges zu tun, um
alles für unsere Heimreise zu organisieren. Für LUCKY mußte ein
Flug gebucht werden, die notwendige amtstierärztliche Bescheinigung
mußte kurz vorher in Windhoek noch besorgt werden etc., etc. Außerdem
hatte ich gegen Thorsten und Johann "zu kämpfen", die
nicht wollten, daß ich LUCKY mit nach Deutschland nahm - aus
welchen Gründen auch immer.
Nach ca. 4 Wochen fiel mir auf, daß von LUCKY ein
sehr unangenehmer Geruch ausging. Zuerst konnte ich nicht
feststellen, woher er kam, dann aber sah ich, daß die Haut unter
dem Gips durch den eingedrungenen Sand völlig aufgerieben war.
Oberhalb des Gipses war eine große blutige Wunde zu sehen. Da sie fürchterlich
jammerte, beschloß ich, den Gips zu entfernen, obwohl es eigentlich
noch etwas zu früh dafür war. Wie Ihr Euch denken könnt, fährt
man wegen so einem Hund natürlich nicht noch einmal zum Tierarzt. Wäre
ja noch schöner!
Wieder hatten wir einmal Glück. Ein Freund von
Thorsten war für einen Tag zu Besuch auf "Immenhof". Er
half mir in einer 1 ½ stündigen Aktion, den Gips mit einer Eisensäge
zu entfernen. LUCKY lag die ganze Zeit völlig ruhig auf dem
Terrassenboden und ließ alles über sich ergehen. Danach
desinfizierte ich ihr Bein und verband es.
Die Kleine war so froh, endlich den Gips los zu sein.
Nach telefonischer Rücksprache mit dem Tierarzt in "Otji"
sollte ich kurz vor meinem Abflug vorsichtshalber noch einmal in
Windhoek mit ihr zum Tierarzt gehen, um eine Kontrollröntgenaufnahme
von ihrem Bein machen zu lassen. Dies tat ich auch - der Knochen war
schon gut zusammengewachsen.
Über unsere gemeinsame Zeit auf der Farm könnte
man auch noch eine Menge schreiben, ich glaube aber, das würde den Rahmen dieser kleinen Hundegeschichte sprengen.
Nach einigen Schwierigkeiten in Windhoek (Flug
etc.) - warum sollte es auch mal ohne Probleme gehen - starteten wir
dann am 31. Januar 1995 Richtung Deutschland. Vom Tierarzt hatte ich
für LUCKY eine Schlaftablette für den Flug bekommen, somit
schlummerte sie die ganze Zeit bis nach Frankfurt neben mir auf dem
Sitz. Ich möchte übrigens noch den tollen Service bei der
Lufthansa loben. Das Bordpersonal war sehr lieb und nett und brachte
mir unaufgefordert noch zusätzlich eine Decke und Wasser für
LUCKY.
In Berlin-Tegel angekommen, wartete meine Familie
schon ganz gespannt auf mein außergewöhnliches Mitbringsel. Da
LUCKYCHEN noch ein ziemlich unbehaartes Welpenbäuchlein hatte, fror
sie natürlich fürchterlich. Bei unserem Abflug in Windhoek hatten
wir ca. + 40 ° C und in Berlin
waren es Minusgrade und dickster Winter. Ein kleines Hundemäntelchen
behob selbst dieses unangenehme Problem.
In Berlin ging die Arbeit dann erst richtig los.
Der erste Besuch beim Tierarzt ließ nicht lange auf sich warten und
viele viele sollten noch folgen. In den ersten 1 ½ Jahren haben wir
die Tierarztpraxis öfter von innen gesehen als uns lieb war.
Deshalb hält LUCKY sich heute auch nicht gerade gerne dort auf und
versucht sich zu verstecken, um nicht auf den kalten Metalltisch zu
müssen. Laut Tierarzt waren die kleinen bis mittelschweren
Gebrechen aber fast alles nur "Hundekinderkrankheiten". Da
die Pharmaindustrie bekannterweise viel zu bieten hat, bekamen wir
mit Hilfe verschiedener Mittelchen auch diese Probleme in den Griff.
Als nächstes hatte ich mir vorgenommen, meine
Hundedame "zu erziehen" - aber wie macht man das richtig?
In Sachen Hundeerziehung kannte ich mich nämlich nicht gerade so
gut aus. Also probierte ich einige Hundeplätze aus und machte so
meine Erfahrungen - leider nicht immer nur gute. Schließlich
landete ich bei der "Initiative für Hunde mit
Vergangenheit", die meine Freundin Sabine gegründet hatte (wir
berichteten in der letzten Ausgabe). Da wir zu diesem Zeitpunkt noch
keinen eigenen Hundeplatz hatten, trafen wir uns immer sonntags zu
einer Hundeerziehungsstunde auf verschiedenen Wiesenflächen in
Spandau und Umgebung.
Selbst LUCKY, die sonst eher zur Stur- und Faulheit
neigt - liegt wohl auch an ihrem Dackel-Vater - hat bei diesen Übungsstunden
etwas gelernt - und nicht nur sie - auch ich weiß heute viel besser
Bescheid und habe dazugelernt. Natürlich würde ich mit meinem
heutigen Wissen versuchen noch einiges besser zu machen als früher,
vor allem aber, würde ich nicht mehr so viele Dinge bei ihr
durchgehen lassen - aber na ja - jeder macht so seine eigenen
Erfahrungen, und aus Fehlern lernt man ja bekanntlich. Trotz alledem
ist aus LUCKY ein ganz passabler Hund geworden, der nur ab und zu
zum "Schrecken der Straße" wird (kläff, kläff, kläff!).
Damit die Kleine auch in Zukunft geistig fit und in
Form bleibt, haben wir im September '97 nun beide mit Agility
angefangen. Ich hatte das Glück, einen wirklich sehr guten
Hundeverein in Lichtenrade "zu entdecken", der diese
Sportart und auch noch viele Dinge mehr rund um den Hund anbietet.
Ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß LUCKY dieser
Sport so viel Spaß machen würde, obwohl sie ja sonst eher gerne
eine ruhige Gangart einlegt. Da sie klein, schnell und wendig ist,
eignet sie sich sehr gut dafür und ist meistens voll bei der Sache.
Mal sehen, wie weit wir
es eines Tages damit bringen - alles zum Spaß natürlich - jetzt
heißt es aber erst einmal üben, üben, üben !
Elke
Gertulla
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