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Jambo der Findelhund            von Volker Theissen

Als die Familie schließlich auf das Grundstück der Pflegestelle kam, war von dem ganzen Wurf er alleine übriggeblieben. Traurig und tatenlos hielt er auf Distanz! Als sich aber schließlich alle Herzen in kürzester Zeit für ihn entschieden hatten, ließ er sich auch nicht lange bitten.

Welch abenteuerliche Welt; das neue Zuhause, wo eine Katze und zwei Kater sich schnell von seinem stolperigen Charme überrollen ließen - er gehörte sofort dazu - zu allen!

Zwei Dinge aber standen der Vollkommenheit seines Glücks entgegen: Jambo wollte nicht spazieren gehen und auch nicht alleine schlafen. Im Grunde wollte er sich ganz einfach nie mehr von seinen Lieben trennen. Er hatte sein Frauchen, sein Herrchen, zwei bemutternde junge Damen von 12 und 13 Jahren, drei Katzen, ein großes Haus und einen noch größeren Garten – warum da wieder weg und auf die Straße, von wo er ja gerade erst gekommen war???

Weiter als bis zum Gartentor ging er freiwillig nicht. Dabei zeigte er sein Unglück so deutlich, daß schließlich alle ein Einsehen hatten. Seinem Frauchen wich er nicht von den Fersen. Wann er konnte, zerrte er seine Decke unmittelbar hinter ihrem Arbeitstrampelpfad von Herd zu Kühlschrank und riskierte so freudig sein Leben für ihre Nähe. Aber da war noch das abendliche Zu-Bett-gehen: alle verschwanden in ihren Zimmern, die Katzen gingen gar noch ein und aus oder thronten auf ihren Sesseln. Zurück blieb einsam und aus vollem Herzen leidend der kleine Jambo in seinem Korb - seinen Schmerz durch das ganze Haus tremolierend.

Laura, die Jüngste, mit dem großen Herzen einer Mutter Theresa der Tiere bedacht, zog ihre Matratze in den Flur neben sein Körbchen und sang ihm ein Schlaflied um das andere vor, Abend für Abend, bis sich schließlich Jambos Verlustängste von selbst verloren hatten.

Eine Bilderbuchgeschichte: eine glückliche Familie und ein fröhlicher Hund, - der, wo immer er in der Öffentlichkeit war - lustig hüpfend und seinen Schwanz als Propeller drehend – in etwa so angesprochen wurde: „Na du, du bist aber ein lustiger Hund!“ Aber in dieser, fast Bilderbuchfamilie, kam der Tag, an welchem die Eltern sich auseinandergelebt hatten – und so verblieb Jambo dann, - mit 4 Jahren bereits im Jünglingsalter-, bei seinem geliebten Frauchen im Haus der Familie.

Na, - und wie das dann weiter so kommt – kam dann eines Tages ein neuer Mann – erst einmal, dann öfter und dann immer heftiger, - in seines Frauchens Leben.

Das muß sich einer mal vorstellen, wie Hund da hin- und hergezerrt ist innerlich – wo er doch eigentlich – nach Herrchens Fortgang – sozusagen zum Hauptbeschützer seines angebeteten Frauchens aufgestiegen war. Kurzum, das neue Herrchen, das ihm bald von Herzen zugetan war, bewunderte Jambo schon allein wegen der Art, wie er seinem Frauchen jeden Wunsch von den Augen ablas, und er hielt den Hund insgeheim sogar für einen verwunschenen Prinzen!

Die gemeinsamen Spaziergänge zu dritt liebte Jambo über alles! So blieb es nicht aus, daß er gelegentlich sogar mit ins Restaurant genommen wurde. Und an eben diesem Ort geschah es dann auch, daß der verwunschene Prinz sich so folgenschwer irrte!

Jedenfalls hat ihn seine Zauberfee im Stich gelassen, leider im entscheidenden Moment, und er leidet immer wieder neu, wenn diese Geschichte in seiner Gegenwart aufgetischt und er dann, -gefühllos wie er findet,- ausgelacht wird.

Er saß also zu Füßen von Frauchen im Restaurant am Tisch, als die junge fröhliche Kellnerin die Bestellung aufnahm und ihn dabei sehr freundlich begrüßte. Da saß er auch noch, als sein Herrchen sich auf einen kurzen Moment empfahl.

Als er dann zurückkommend sich durch die Tische zu Frau und Hund hindurchwand, traute er seinen Augen nicht: Auf dem Stuhl, den er soeben verlassen hatte, saß hochaufgerichtet der verwunschene Prinz und unermüdliche Beschützer Jambo. Der war spürbar überaus stolz auf seinen Überraschungscoup, aber so ganz richtig schien ihm sein Tun andererseits auch nicht.

Nur den Bruchteil einer Sekunde sah er in das immer breitere Grinsen seines Herrchens, dann wandte er resigniert, aber mit Haltung – sein edles Haupt zur Seite. Von dort kam just die nette Kellnerin mit den Getränken um die Ecke. Ihr fröhlicher: „Hier kommt ihr...“-Spruch ging in einen spitzen Überraschungsschrei über, so laut und so spontan, daß alle benachbarten Gäste miterleben konnten, wie gefaßt der Hund auf das kippelnde Tablett hinuntersah.

Jambo ertrug das Gelächter im Saal mit großer Fassung, unbewegt und standhaft wie ein Minnesänger, dem mitten im Wettstreit und im Angesicht seiner Holden alle Saiten der Laute gerissen waren.

Und mit dieser Haltung spätestens war allen, die überhaupt etwas von Haltung hatten, sonnenklar, daß so etwas entweder nur im Kino oder im Märchen bei verwunschenen Prinzen vorkommt,- . – und irgendwie haben wir das auch immer schon gewußt, daß unser Findelkind Jambo von der SOS Hunde-Hilfe zwar ohne Stammbaum, aber von ganz besonderem Adel ist!