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Am ersten Weihnachtsfeiertagsabend im letzten Jahr, gerade als ich mich vorbereitete auf ein paar gemütliche Stunden „Krieg und Frieden“, klingelte das Telefon.

„Krieg und Frieden“ sollte ich haben, aber nicht für ein paar Stunden, sondern sieben Monate lang und ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Man brachte mir einen alten Pekinesen-Rüden.

Angeblich hatte dieser Mann ihn vor einem halben Jahr aus dem Tierheim geholt, da sein Besitzer im Gefängnis ist und ihn auch irgendwann wiederhaben wolle. Nun sei aber die Urlaubsreise nach Österreich geplant und der Hund könne nicht mit. Über das Tier selbst konnten mir seltsamerweise keine weiteren Informationen gegeben werden, weder sein Alter noch ob er geimpft ist. Selbst der Name des Hundes wurde mir, wie sich später herausstellte, nicht richtig wiedergegeben. Zur Begrüßung pinkelte Stöpsel mir erst einmal an die Couch, wahrscheinlich um klarzustellen, worauf ich mich einzustellen hatte. Da ich ein paar Tage nicht arbeiten brauchte, konnte ich ihn erst einmal selbst in Pflege behalten, ging am nächsten Tag mit ihm zum Tierarzt und ließ ihn untersuchen. Der Hund war reichlich abgemagert, wog nur 5 Kilo, hatte starke Herzgeräusche und die Augen waren trüb.

In den folgenden Tagen zeigte sich, daß Stöpsel ein sehr eigensinniger konsequenter Charakter war, der in jedem Fall darauf bestand, daß das, was er gerade im Sinn hatte, auch zu erfüllen sei. So brachte er meinen Katzen bei, sich in der Wohnung gesittet zu verhalten. Es wurde nicht mehr durch die Wohnung gerannt und gesprungen, sondern „gegangen“. Auch meine Hündin Nuschka hatte er gut im Griff. Mit der Zeit gewöhnten sich die Tiere jedoch aneinander und lernten, sich gegenseitig auszutricksen. Stöpsel hatte alles unter Kontrolle. Da er nun ein Hund war, den man nicht einfach so in eine Pflegestelle setzen konnte und er auch nach ein paar Tagen mit einer Affenliebe an mir hing (und ich ruckzuck an ihm), entschloß ich mich, den Kerl bei mir zu behalten. Es gelang mir, mit dem Besitzer des Hundes im Gefängnis Kontakt aufzunehmen, und dieser war heilfroh, etwas von Stöpsel zu hören. Als er nämlich ein Jahr zuvor verhaftet wurde, nahm sich eine Bekannte des Hundes an, und er hatte in den letzten Monaten immer wieder vergeblich versucht, zu ihr Kontakt aufzunehmen, um etwas über seinen Hund zu erfahren. Aber sie war wie vom Erdboden verschluckt. So entwickelte sich ein reger Schriftwechsel, bei dem ich einiges über Stöpsel erfuhr. Er war über 12 Jahre alt und schon von Baby an bei seinem Besitzer. Er schrieb mir: „Stöpsel hört auf STOP und HOPP - zumindest bei strenger Aufforderung (manchmal auch nicht!)“ - Ja eben, Stöpsel zeigte mir bei „Stop“ und „Hopp“ einen Vogel. Sein richtiger Name war „Baron von Burgfrieden“ - mir schien eher, er war ein „Baron von Unfrieden“!

Nun war nicht nur Stöpsels Herz kaputt, auch seine Augen und Ohren funktionierten nicht mehr richtig. Das hielt ihn jedoch nie davon ab, „sein Ding durchzuziehen“. Auf jeden Fall war er ein lieber kleiner Hund. Einmal hat er mich ins Bein gebissen! Ich hatte Besuch von Menschen und Hunden, und er zog sich nach einiger Zeit zurück unter den Stuhl , auf dem ich saß. Als ich aufstand, schoß er hervor und zeckte mich ins Bein. Die Zähne waren zwar zu spüren, aber es tat nicht sonderlich weh. Ich drehte mich um, völlig erstaunt wegen seiner Reaktion und sprach mit ihm. Ich glaube, erst als er meine Stimme hörte, verstand er, auf wen er da losgegangen war und hatte gleich ein schlechtes Gewissen. Der Arme, anschließend schleimte er sich gleich wieder bei mir ein und war froh, daß ich ihm nicht böse war. So ist es eben, alte Männer werden komisch, auch wenn nicht alle gleich in Beine beißen!

Draußen hatte ich ihn in ihm unbekanntem Gebiet stets an der Leine. Mit dieser „Verbindung“ fühlte er sich sicher und traute sich auch, überall seiner Nase nachzugehen und die wichtigen Marken zu setzen. Freunden fiel auf, daß ich beim Spazierengehen immer vor mich hinredete. Das hatte einfach damit zu tun, daß Stöpsel meiner Stimme nachgehen konnte und damit wußte, in welche Richtung er muß, falls er mal den Anschluß verliert. War er nämlich mehr als 10 m von mir entfernt, sah er mich schon nicht mehr. Wir müssen für Nichteingeweihte schon manchmal ein komisches Bild abgeben haben!

Der kleine Kerl schloß sich mir immer inniger an und stellte lautstarke Besitzansprüche, wenn sich mir jemand näherte, egal ob Hund oder Mensch. Wenn ich morgens aufstand oder mittags von der Arbeit kam, versuchte er, mit mir zu reden und brachte ganz seltsame verschiedene Töne heraus. Wer konnte ihm da böse sein, auch wenn er den Schrank angepinkelt und auf den Teppich gekackt hatte. Manchmal ließ seine Stubenreinheit sehr zu wünschen übrig, dabei kam er wirklich ausgiebig und regelmäßig raus. Er hatte auch kein schlechtes Gewissen dabei, war eher so der lockere Typ.

Karfreitag ist mir bei dem Sturm die Küchenfensterscheibe rausgeflogen. Mit dem Glaser traf ich mich zufälligerweise vor dem Haus, als ich mit den Hunden vom Spaziergang kam. Nuschka hatte ich an der Leine und Stöpsel zur Vorsicht auf dem Arm. Wir gingen zusammen die Treppe hinauf, und als wir an der Wohnungstür waren und Stöpsel merkte, daß der Glaser mit in die Wohnung wollte, fing er gleich böse an zu knurren, immer noch auf meinem Arm. Der Glaser lachte und ich mußte grinsen: “Besser, sie lachen nicht über ihn, er hat gestern einen Schäferhund zerrissen, und seine Wut ist noch nicht verraucht!“ Na ja - jedenfalls mußte ich Stöpsel einsperren, bevor der Mann sich in die Wohnung traute. Der Glaser setzte die Scheibe ein, Stöpsel war sauer und pinkelte derweil meinen Schreibtisch an. Er war einfach zum Liebhaben!!!

Wir amüsieren uns jedenfalls meistens prächtig. Ich war froh, daß ich Stöpsel bei mir behalten hatte. Er bereicherte unser Leben, meinen Teppich und meine Möbel!

Was er ganz wunderbar beherrschte, war die Bettelei am Tisch. Mein Lebensgefährte hat es ihm „beigebracht“. Anfangs habe ich noch versucht, es zu verhindern, aber beide hatten so viel Spaß dabei - also, was soll’s ! Dafür war er ist auch der einzige, mit dem er ebenfalls „sprach“ und der sich ungehindert in meiner Wohnung bewegen durfte. Der kleine Hund war wirklich ein Unikum.

Einmal hat er im Wald eine ziemlich wichtige Visitenkarte verloren, und ich mußte den ganzen Weg zurücklaufen und suchen. Manchmal, wenn Nuschka mit ihrem Ball herumtobte, hatte er auch den Wunsch, etwas zu tragen. Und dann sah ich halt nach, was ich in den Taschen habe. Normalerweise schleppte er alte Tankquittungen mit sich herum, oder ich gab ihm auch einen kleinen Ball, wenn ich noch einen dabeihatte. Ja - und an diesem Tag hatte ich nur diese Visitenkarte und Vertrauen zu dem Hund. - Pech gehabt ! Weg war sie, und wir mußten den ganzen Weg zurück. An irgendeinem Baum, den er erst intensiv beschnuppert und dann bepinkelt hatte, fand ich sie wieder. Dafür durfte ich ihn anschließend auch noch tragen, weil ich mit der Zeit knapp war, er das nicht einsehen wollte und seinen Trott beibehielt. Diese Ratte! So ging er mit einem eisernen Willen und starker Überzeugungskraft durch das Leben 

So gäbe es noch viele Geschichten über diesen kleinen Stöpsel-Hund zu berichten, über die andere vielleicht den Kopf schütteln würden, die aber mir eine Menge bedeuten.

Nun war Stöpsel ja ein sehr kranker kleiner Hund und des öfteren mußten wir nachts zum Tierarzt fahren, weil er furchtbaren Herzhusten bekam. Als es wärmer wurde, mußten wir unseren Tagesablauf nach dem Hund bestimmen, weil er die erste Hitze nicht vertrug. Er hat dann entsetzlich geröchelt, ist herumgelaufen, war völlig panisch, hat den Teppich abgeleckt wie durchgedreht und gekeucht wie ein Asthmakranker. Nach den Arztbesuchen ging es ihm meistens besser. Für uns war es jedes Mal mit großer Angst um den kleinen Löwen verbunden und ein Riesenschreck. 

Im Juli machten wir Urlaub und fuhren an den Malchiner See. Dort hatten wir eine Ferienwohnung auf einem Bauernhof gemietet. Wir waren etwa 50 km aus Berlin heraus, als Stöpsels Besitzer mich über mein Handy anrief und mich fragte, ob er den Hund sehen könnte, er hätte Freigang. Nun waren wir schon zu weit weg, um umzudrehen und mußten das Wiedersehen, dem wir schon alle entgegenfieberten, verschieben. In Malchin angekommen, entwickelte Stöpsel eine derartige Lebensfreude und Munterkeit wie lange nicht mehr. Das Klima schien ihm gut zu bekommen. Er rannte wie ein Irrer und forderte sogar Nuschka zum Spielen auf. Nach dem dritten Tag fing er plötzlich nachts an zu husten, so schlimm, daß wir Angst hatten, er würde ersticken. Also sind wir gleich am nächsten Morgen zu einem Tierarzt gefahren. Er wurde geröntgt, bekam Spritzen, Tabletten - nichts half. Sein Zustand verschlechterte sich in den folgenden zwei Tagen immer weiter, und er erbrach alles, was er zu sich nahm. Wir entschlossen uns, den Urlaub sofort abzubrechen und kamen nach drei schlaflosen Nächten gegen Mitternacht wieder in Berlin an, haben ein paar Sachen aus dem Auto geladen und sind zum Nottierarzt gefahren. Der untersuchte das Kerlchen, meinte bloß: “Frau Zajc, es ist jetzt drei Uhr morgens, der Hund sieht gut aus, sein Herz schlägt kräftig, Lebensgefahr besteht nicht.“ Stöpsel bekam ein Mittel gegen das Erbrechen gespritzt, und wir fuhren wieder Nachhause. Wieder besserte sich Stöpsels Zustand nicht, die ganze Nacht dieser schlimme Husten, und am nächsten Tag fuhren wir zu unserem Tierarzt nach Spandau, wo Stöpsel schon bekannt war. Er kam sofort an den Tropf, war derweil schon völlig apathisch, die Schleimhäute waren ganz weiß, nichts half mehr. Aus allen Körperöffnungen verlor er Flüssigkeit, plötzlich stieg auch die Temperatur hoch an, der ganze Hund schien sich aufzulösen, und er nahm kaum noch etwas wahr. Der Tierarzt und wir waren völlig hilflos. Ich nahm ihn also in meine Arme, setzte mich mit ihm auf den Boden und hatte eine Entscheidung zu treffen. Als ich ihn ansprach, schaute mein Stöpselchen mich an, ich sah den Schmerz und die Bitte in seinen Augen - und ich wußte, was zu tun war.

Wir haben ihn im Garten begraben, und ich war nur froh, daß ich ihn nicht irgendwo in der Fremde lassen mußte. An dieser Stelle - „Danke Kerstin, daß Du mir in diesem Moment geholfen, mir zur Seite gestanden und mit mir geweint hast!“

Schlimm war, daß ich seinen Besitzer anrufen und ihm mitteilen mußte, daß er seinen Hund nicht mehr wiedersieht.

Sieben Monate hat der kleine Löwe unser Leben und unseren Tagesablauf bestimmt. Er hatte dafür gesorgt, daß sich alles nur um ihn drehen muß, und wir haben uns darauf eingelassen und ihn so akzeptieren müssen, wie er ist. Es war schwer, sich daran zu gewöhnen, daß er plötzlich nicht mehr da ist, und ich vermisse ihn immer noch sehr. Oft denken wir an ihn und reden über seine unverschämten Machenschaften.

Ilona Zajc